Als ich auf die Wäsche im Waschsalon wartend im Schatten mal wieder in Doris Dörries „Wohnen“ las und darüber nachdachte, vielleicht ein ganz anderes Buch als das letztes Jahr Begonnene zu schreiben und dafür ein Notizheft zu kaufen, sprach mich eine 93 jährige Frau an, die mit 90 ihr erstes Buch veröffentlichte.
„Ich sehe, sie lesen. Ich schreibe. Ich habe mit 90 mein erstes Buch veröffentlicht. Es geht um Märchen.“, So sprach sie mich an. „Jetzt bin ich 93 und bald kommt mein zweites Buch.“
Huch! Während ich am Lesen war, spürte ich, wie sich gerade eine Buchidee in mir entwickelte und war ganz und gar nicht in Stimmung für ein Gespräch. Ich liebe dieses Büchlein von Doris Dörrie. Wenn ich es lese bin ich gleichermaßen motiviert wieder zu schreiben und eingeschüchtert, weil ich die Art des Erzählens so toll finde. Ich war gerade an einer meiner Lieblingsstellen angelangt, wo Dörrie über Virginia Woolf und deren Essay „A Room of One’s Own“ schreibt. Ich dachte an meine Wohnung und was sie mir bedeutet, was sich alles verändert hat, wieviel Mut es mich gekostet hat mich noch einmal neu zu erfinden. Wie wäre es darüber zu schreiben? Ich freue mich, bald wieder mehr Zeit zu haben, mich einem Schreibprojekt zu widmen, aber beide Buchideen auf denen ich herumdenke sind so vernünftig. Wie wäre es mutig zu sein und der Eingebung zu folgen? Nachher, auf dem Weg zum See, würde ich mir ein neues Notizbuch kaufen und die Idee skizzieren. Genau das dachte ich, als die Passantin mich unvermittelt ansprach und sich neben mich setzte, um mir von ihrem Leben zu erzählen, in dem es sich immer um das Schreiben drehte.
„Ich muss immer schreiben, ohne Schreiben geht es nicht. Mein Mann fand das gar nicht gut. Er hatte Sorgen, dass es etwas Gefährliches sein könnte.“ Ja, dachte ich, schreibende Frauen sind gefährlich und doch ganz anders, als das der Mann vermutlich befürchtet hatte. Ich bewunderte ihre roten Nägel, ihre schickes Kleid und die bunte Tasche am Rollator während sie sprach, als wäre es nur für mich bestimmt. Sie hatte sich schick gemacht, um Einkaufen zu gehen. Ich fand sie hinreißend. So kann ich mir das Alter vorstellen. Ob sie denn ein eigenes Zimmer gehabt hätte zum Schreiben, fragte ich sie und erzählte ihr von Virginia Woolf. Nein, das hatte sie nicht, aber egal, sie konnte gar nicht anders, als immer zu schreiben. Einmal saß sie an ihrem Urlaubsort und bewunderte Rosen, die sie just in diesem Moment zu einem Gedicht inspirierten. Sie ging in die naheliegende Touristeninformation und bat um einen Stift, um das Gedicht aufzuschreiben. Dann hat sie mir das lange Gedicht einfach so vorgetragen. Es berührte mich sehr, obwohl ich sonst nicht so viel mit Gereimten anfangen kann. Da steckte so viel Lebensweisheit, Trost und Zuversicht drin. Bald erscheint ihr zweites Buch, ein Gedichtband, da freue ich mich drauf. Auch sie kann das Erscheinen kaum erwarten. Klar, denn dieses Gefühl das eigene Werk zum ersten Mal in Form eines Buchs in den Händen zu halten, ist unbeschreiblich. Das lässt nicht nach, versicherte ich ihr. Das ist auch schon wieder viel zu lange her, dachte ich.
Seit 1945 wohnt sie hier im Kiez. Sie erzählte von der Flucht, von ihrer Familie und den schwierigen Zeiten. Ihr Mann lebt nun nicht mehr – wenn ich richtig gerechnet habe, dann hat sie erst nach seinem Tod das erste Buch herausgebracht, indem sie einfach zu einem Verlag im Viertel ging und ihr Manuskript anbot. Aber vielleicht habe ich das auch nur in ihre Erzählung hereininterpretiert. Sie machte davon nicht viel Aufhebens. Er ist nicht mehr da und sie fährt immer noch jedes Jahr an den Urlaubsort, wo sie mit ihrem Mann war. Dieses Jahr wurde ihr davon abgeraten, weil ein Teil der Zugstrecke Baustelle ist. Dafür fährt sie dann nächstes Jahr eine Woche länger. Diese Zuversicht!
Ich sagte an irgendeiner Stelle des Gesprächs, dass man dafür Mut braucht. „Mut braucht man immer“, antwortete sie lapidar. Daran musste ich später denken, als ich eine gute Stunde lang alleine durch einen See schwamm. Das fänden andere Menschen vermutlich gefährlich, doch ich mache das einfach, weil ich es kann und es mir Freude macht. Beim Schwimmen kann ich meine Kräfte einschätzen, da weiß ich, was ich tue. Mut braucht es, ausgetretene Pfade zu verlassen. Schreiben braucht Mut. Mut braucht man immer, aber wenn man es nicht versucht, dann passiert auch nichts und wenn man sich nicht auf Gespräche mit wildfremden älteren Damen einlässt, dann bekommt man auch nicht Lebensfreude und Zuversicht geschenkt.
Jetzt möchte ich unbedingt das Märchenbuch lesen, obwohl ich Märchen gar nicht mag. Werde ich enttäuscht werden? Wahrscheinlich geht es darum, sich genauso darauf einzulassen, wie auf das Gespräch mit der Unbekannten. Ich würde sie gerne wieder sehen, doch unser Abschied blieb unverbindlich. Die Wäsche war schon lange fertig, ich wurde unruhig und wollte dann doch wieder meinen Vorhaben nachgehen und die Energie nutzen, die ich spürte. Wir schüttelten einander die Hand, nannten unsere Vornamen und verabschiedeten uns. Die Stadt ist klein und unser Viertel übersichtlich, doch ich bin normalerweise nicht um diese Uhrzeit hier unterwegs. Vielleicht war es nur dieser eine gemeinsame Augenblick, dieses Gespräch unter schreibenden Frauen. Es geht vielleicht gar nicht darum, ob das, was wir schreiben gut ist oder gefällt. Wir müssen einfach immer Schreiben und erstaunlicherweise erkennen wir uns auch auf einer belebten Einkaufsstraße.
(Hier gibt es eine Leseprobe aus Astrid Ettingers Märchenbuch. Sie sagte, das Buch gibt es in der Buchhandlung dahinten am Blücherplatz und dann tippte sie auf mein Smartphone, in dem ich gerade den Buchtitel notierte. „Da gibt es es auch.“)