Veränderung kommt durch Veränderung. Logisch, vergesse ich aber immer wieder. Aber jetzt habe ich hoffentlich endlich mein Mojo wieder.

In den letzten Monaten habe ich die Frau vermisst, die ich Ende letzten Jahres war: so unerschrocken, so kraftvoll, so unbesiegbar. Ich hatte im Winter ein paar Wochen lang die feste Überzeugung, dass plötzlich nichts mehr unmöglich sei. Anfang des Jahres hatte sich dann dieses Gefühl der Stärke aus vielerlei Gründen in Luft aufgelöst. Ich kannte die Gründe, das war alles kein Pappenstiel. Doch das Leben geht weiter. Ich versuchte es so gut, wie es eben ging, hatte aber das Gefühl nichts mehr richtig zu machen. Obwohl ich nach wie vor Bestätigung bekam, dass das was ich mache gut sei, konnte ich es nicht glauben.

Das Leben entwickelte sich weiter. Immer mehr realisierte sich im Außen, was ich mir so viele Jahre lang gewünscht hatte. Doch ich fühlte es nicht. Ich bemerkte, wie ich ständig müde war, kraftlos, nicht mehr begeistert und dann hatte ich auch keine Lust mehr zu schwimmen. Alles fühlte sich anstrengend an. Ich schwamm nur einmal die Woche und nur noch die Hälfte meiner üblichen Strecke. Auch wenn ich mich darüber freue, nach 3 Jahren Pause wieder Rad zu fahren beschämt es mich, langsam wie eine Oma zu fahren und schwer atmend in die Pedale zu treten. Wo war nur der Schwung hin, den ich mir mit meinen Siebenmeilenstiefen erlaufen hatte?

Trotz niedriger Temperaturen raffte ich mich heute auf, ins Freibad zu gehen. Das Leben der letzten Monate führte dazu, dass ich es nur noch einmal die Woche zum Schwimmen schaffte. Das wirkte sich natürlich auch auf meine Kondition und Schwimmroutine aus. Immer öfter fragte ich mich, ob ich wirklich Lust habe und es brauchte mehr und mehr Kraft, mich aufzuraffen.

Die ersten 20 Bahnen war es gewohnt mühsam. Seit ein paar Wochen erlaubte ich mir, nur noch jede zweite Bahn zu Kraulen. Um mich zwischendurch zu erholen, wechselte ich immer auf das gewohnte Brustschwimmen oder schwamm auf dem Rücken, wenn die Bahn frei war. Wenn ich kraulte, dann kämpfte ich mich durchs Wasser und sehnte das Ende der Bahn herbei. Kein Vergleich zu dem Gefühl des Gleitens, dass ich Ende des Jahres hatte und weit entfernt von den 2000 m, die ich zum Jahreswechsel schaffte. Statt wie ein Fisch im Wasser fühlte ich mich in den letzten Monaten immer öfter wie der tote Wal. Zwischen Bahn 10 und 20 überlegte ich heute sogar, einen Termin beim Hausarzt zu machen und ihm von meiner Kraftlosigkeit zu erzählen.

Nach 20 Bahnen kam ich auf die Idee, es mal eine Bahn mit der 4er Atmung und damit dem Atmen ausschließlich auf meiner Lieblingsseite zu probieren. Sofort veränderte sich alles. Statt außer Atmen zu kommen, bewegten sich meine Arme und Beine kraftvoll durchs Wasser und der Körper begann wieder wiegend durchs Wasser zu gleiten. Erstaunt und beglückt erreichte ich das Ende der Bahn. Ich war außer Atem, denn ich war schneller geschwommen als die Wochen zuvor, aber ich war nicht erschöpft. Mein Körper fühlte sich gut an, meine Arme erinnerten mich wieder an Michelle Obama und ich fühlte mich wieder in meinem Element. Weiter so – schließlich schwamm ich das Doppelte der Bahnen der letzten Wochen und hörte nur auf, weil ein Gewitter aufzog.

Auf einmal verstand ich: Anfang des Jahres hatte ich mir vorgenommen, die 3er-Atmung zu lernen. Auf beiden Seiten Atmen zu können braucht man für das Freiwasser mit Wellen. Das hatte ich zumindest mal gelesen. Ich war völlig fixiert darauf, aus meiner Entscheidung für Kiel das Beste zu machen und mein Schwimmen mindestens einmal die Woche in die Ostsee zu verlegen. Auch wenn ich auf beiden Seiten atmen kann, wirkte sich das extrem schlecht auf meinen Schwimmstil aus. Ich kann mich zwar nicht von außen sehen, aber ich vermute, dass ich durchs Wasser taumele, wenn ich links und rechts atme und dabei krampfhaft nach Luft schnappe. Da war nichts mehr mit Gleiten. Ich wollte es erzwingen und übte stoisch weiter. Dabei sollte ich mittlerweile gelernt haben, dass Erzwingen bei mir nie funktioniert, sondern mich nur ermüdet.

Ich hatte mich in meinen Plan verbissen, obwohl ich fühlte, dass es nicht gut war. Mir war schon klar, dass ich es sowieso nicht organisiert bekommen würde, so regelmäßig in der Ostsee zu schwimmen, dass das als Schwimmtraining zu werten sei, denn ich habe durch das Pendeln wenig freie Zeit in Kiel. Außerdem hatte ich mir die Badestellen angeschaut, die gut erreichbar sind. Das sah in meiner Fantasie besser aus. Ich bin wohl einer Fantasie hinterhergelaufen, genauso wie damals, als ich nach Hamburg gezogen bin und dachte, man würde im Sommer jedes schöne Wochenende an die Ostsee fahren. Die Realität ist anders. Das Leben als Erwachsene ist anstrengend, die Zeit für Sahnehäubchen ist knapp. Zur regelmäßigen Freiwasserschwimmerin werde ich realistisch gesehen irgendwann mal im Urlaub oder wenn ich Glück habe in der Rente. Ich merke, dass ich eine andere Vision entwickeln muss, was Kiel für mich ist oder sein kann. Das alles kam ohnehin so plötzlich, vielleicht braucht es einfach ein bisschen Zeit, damit ich in das neue Leben hineinwachsen kann. Die Kopf-durch-die-Wand-Frau, die ich allzu oft bin, musste durch ein Tal der Tränen schwimmen, bis die Erkenntnis reifte, sich mal wieder in etwas verrannt zu haben. Manchmal braucht es eine Planänderung. Dann kann es wieder leichter werden. Denn Veränderung kommt nur durch Veränderung. Schon blöd, dass immer erst im Nachhinein zu merken.

Das Mojo ist zurück. Ich bin schneller, obwohl ich langsamer machte. Keine Ahnung, ob das als Metapher dient. Aber es fühlt sich gut an. Mal schauen, was ich daraus mache.