Es ist ein bisschen unheimlich, wie leicht mir viele Sachen in den letzten Monaten zufielen. Es fühlte sich ein bisschen an wie Magie. Doch es wäre zu einfach, nur an Glück zu glauben. Gleichzeitig mag ich aber auch nicht das Blabla der Leistungsgesellschaft von wegen „Glückes Schmied“ nachplaudern. Vielleicht ist es ein bisschen von allem und ganz wahrscheinlich gehört dazu, dass ich mir Glück gestatte und mir gleichzeitig mehr zutraue, als zuvor. Jedenfalls habe ich mir fest vorgenommen, dass ich mehr davon will. Deswegen versuche ich es mal in Worte zu fassen.

Zwei Dinge habe ich zum Jahresende getan, die mir weitaus mehr bedeuten, als Silvester zu feiern und gute Vorsätze auszudenken: ich bin 2000 m gekrault und war Eisbaden in der Elbe. Beides Dinge, die ich zum ersten Mal, aber ganz sicherlich nicht zum letzten Mal getan haben. Beide Aktivitäten setzten unglaubliche Mengen an Adrenalin frei. Schau an: Es ist so leicht, mich glücklich zu machen!

Ich hatte keine Ahnung, dass ich dazu in der Lage sein könnte, 2000 m zu kraulen. Auch wenn ich seit mehr als einem Jahr weiß, dass ich möglicherweise nicht die bin, die ich denke zu sein bin und dass es möglicherweise mehr gibt, was ich kann, hatte ich in den letzten Monaten ein stabiles Selbstbild von mir, dass ich Kraulen kann, aber eher so naja und auch nur jede zweite Bahn. Ich war schon richtig stolz darauf, diesen cooleren der Schwimmstile nun wenigstens ein bisschen zu können. Mir war aber durchaus bewusst, dass ich damit so langsam schwimme, wie die plaudernden Omis mit Kopf über Wasser – weit entfernt von den sportlichen Menschen, die kraftvoll durchs Wasser pflügen. Dass ich im März schon mal die 1500 m-Marke geschafft hatte, hatte ich tatsächlich vergessen. Anscheinend war das noch zu unglaublich für mich.

Die Videoanalyse vom TI-Kraul-Kurs im November habe ich mir bis heute noch nicht wieder angeschaut. Als ich mich im Workshop durchs Wasser kämpfen sah, habe ich mich fürchterlich geschämt. So sieht das aus?! Das war echt schwer, sich vom Vergleich mit den anderen Workshopteilnehmenden nicht entmutigen zu lassen. Ich übte anschließend brav weiter, aber die Pendelei nach Kiel und dann der schmerzende Arm machte es nicht leichter.

Der schmerzende Arm erlaubt mir zur Zeit nicht das Brustschwimmen. In den Adventswochen war mein Schwimmbad recht leer, so dass ich zur Abwechslung Rückenschwimmen konnte. Das tat mir und dem Arm gut, immer eine Bahn zu Kraulen und mich dann umzudrehen und den Arm anders rum zu rotieren. Doch in den letzten Tagen war das Becken wieder voll. Also entschied ich mich dazu, es mal damit zu versuchen, auf jeder Bahn zu kraulen. Und oh Wunder, das klappte.

Ich war wirklich erstaunt, dass ich mehrere Bahnen am Stück – mit nur kurzen Pausen am Beckenrand – kraulen konnte. Die Pausen waren nicht so lang wie bei den Männern, die mich keuchend überholen, um dann stundenlang am Ende der Bahn wichtigtuerisch an ihren Brillen rumzuschrauben, um wieder an Luft zu gelangen. Meist lies ich nur schnellere Schwimmer*innen vor oder wendete gemütlich. Ich begann zu begreifen, dass ich es nun wirklich konnte. Krass. Vielleicht hatte ich es schon vorher gekonnt und nur nie versucht. Wer weiß was ich sonst noch so alles auf die Beine stellen können würde, wenn ich es nur einfach mal versuchen würde? Wer weiß was passiert, wenn ich irgendwann nicht mehr vergesse, was ich kann?

Und dann wurde ich ein bisschen größenwahnsinnig. Ich hatte in den letzten Wochen öfters mal halb im Spaß, halb im Ernst gesagt, dass für mich nun nicht mehr unmöglich sei. Also beschloss ich 2000 m zu kraulen. Ich wollte einen Beweis für meine These der nicht mehr vorhandenen Unmöglichkeit aufstellen und suchte mir dafür eine krasse Aufgabe. Um dieses Ziel einzuordnen muss ich noch erwähnen, dass ich sonst nur zwischen 1000 m und 1500 m schwimme und nur einen Bruchteil davon kraule. Ich hielt es also eigentlich für unmöglich, dass ich es schaffen könnte.

2000 m sind 80 Bahnen. Ich sagte mir, dass ich 50 Bahnen schaffen könnte, denn wenige Tage zuvor hatte ich ja schon mal pausenlos gekrault. Alles darüber war eigentlich undenkbar, aber ich beschoss es trotzdem zu versuchen. Ich erzählte im Vorfeld niemand von meinem Plan und behielt mir vor, abzubrechen, wann ich immer ich wollte. Die ersten 20 Bahnen waren wieder schwer. Ich hatte Schwierigkeiten, meinen Rhythmus zu finden und mich nicht über die engen Bahnen und die anderen Schwimmer*innen aufzuregen. Dieses Mal kam ich ungefähr ab Bahn 30 in den Flow. Als ich heraushatte, wie schnell ich schwimmen musste, war es leicht, bis Bahn 60 zu kommen. Das war der Moment, wo ich hätte aufhören können, denn gefühlt reichte es mir. Doch 60 Bahnen war schon mehr, als ich jemals gedacht hätte, da konnte ich vielleicht doch noch versuchen, die 80 zu erreichen? Zugegeben, bis Bahn 72 quälte ich mich ein bisschen. Es tat nirgendwo weh, ich war auch nicht erschöpft, aber es war langweilig und ich fragte mich, warum ich eigentlich immerzu hin und herschwimme. Vielleicht ist das bei anderen Projekten auch so, dass mich das Warum zwar lange motivieren kann, dass es dann aber lohnt, auch ohne die Antwort auf die Sinnfrage weiter zu machen? An diesem Tag beschloss ich es einfach zu versuchen und als ich diese Entscheidung getroffen hatte, waren die nächsten 8 Bahnen wieder ganz leicht.

Als ich aus dem Wasser stieg war ich so stolz auf mich, dass ich es geschafft hatte. Ich hatte ein wirklich großes Ziel erreicht, das ich wirklich nicht für möglich gehalten hatte. Zu oft hatte ich mich davor verunsichern lassen, dass andere Personen 2000 oder 3000 m schwimmen und übersehen, dass diese Menschen das schon seit Jahrzehnten so machen. Zahlen sind doch eigentlich egal, ich schwimme doch gerne und mache es genau deswegen. Ich bin auf jeden Fall sicher, dass ich zwischen Bahn 30 und 50 beim Schwimmen viel besser aussah, als auf der Videoanalyse. Selbst wenn es ab Bahn 60 eher mühsam als elegant war. Es hatte mich zum Ziel gebracht. An das Ziel, an das ich eigentlich nicht zu glauben glaubte.

Am nächsten Tag erzählte mir der Mann einer Freundin vom Eisbaden. Ich hatte davon schon vor ein paar Jahren gehört und immer wieder mit Interesse ein paar Informationen aufgeschnappt. Aber ehrlicherweise war das Baden im Winter im Freiwasser genauso absurd für mich wie die Idee 2000 m zu kraulen. Doch als er mir von einem konkretem Termin nur 2 Tage später erzählte, sagte ich „ja“ noch bevor der Satz zu Ende war. Dann gab es kein zurück mehr, denn ich hatte ja gesagt und wollte mir keine Blöße geben, obwohl ich mächtig aufgeregt war.

Ich war gut vorbereitet, hatte die richtigen Klamotten dabei (Bademantel, Handtuch, Plastiktüte, warmes Wasser für die Füße anschließend und eine Mütze) und habe schon im Bus eine Frau kennengelernt, die auch zum Eisbaden wollte. Am Elbstrand angekommen, realisierte ich sofort, dass ich mich pudelwohl fühlte zwischen den vielen freundlichen Menschen. Es war eine tolle Stimmung. Zunächst fand ich die Freund*innen nicht, aber irgendwie war klar, dass ich reingehen würde, egal ob sie kommen würden oder ob wir uns finden.

Wir fanden uns dann doch und dann ging irgendwie alles ganz schnell. Klamotten aus, Rede anhören, durch das Gedränge rein ins Wasser, kurz drin sein, vor Aufregung ein Schluck Elbwasser trinken und dann durch das Gedränge wieder raus. Beim Anziehen war es weniger kalt, als vermutet. Wir plauderten noch eine ganze Weile, nur die Zehen wurden irgendwann ein bisschen kalt. Jetzt weiß ich endlich, warum ich diese hässlichen gefütterten Gummistiefel besitze! Das mache ich öfters! Das war eine coole Aktion und ich mag die Absurdität an der ganzen Sache. Netterweise habe ich wunderbare Fotos von der Aktion – doch solche Bilder gehören nicht ins Internet. Ich schaue sie mir immer wieder an und das Glücksgefühl kommt zurück. Wie wäre es, wenn ich mal ein Fotobuch von meinen Erlebnissen machen würde, statt nur die Veränderungen des Kindes fotografisch zu dokumentieren. Verrückte Idee. Das mach ich!

Also fasste ich zum ersten Mal seit langer Zeit einen Vorsatz fürs neue Jahr. 2026 möchte ich ganz viele interessante Sachen machen. Raus aus den Gewohnheiten, raus aus der Lethargie und Bequemlichkeit. Ich möchte jede Idee ernst nehmen und statt länger darüber nachzudenken, einfach machen. Ich möchte wilde Dinge tun, absurde Ideen verwirklichen, große Pläne versuchen zu verwirklichen. Ich möchte mir gestatten, mehrere Dinge gleichzeitig zu haben und mir zu gönnen, was mir gut tut. Ich möchte Bescheidenheit ablegen und Selbstzweifel über Bord werden. Ich möchte wir etwas zutrauen und ich möchte genießen. Am Ende des letzten Jahres habe ich mir doch mehr als bewiesen, dass die letzten Monate, die sich so leicht und schön anfühlten, nicht nur durch Glück in mein Leben kamen. Ich habe die Grenzen, die vermutlich nur in meinem Kopf existiert hatten, einfach beiseite geschoben. Ich habe mich was getraut, an mich geglaubt und einfach gemacht. So soll es bitte weitergehen. Ich freu mich drauf und bin mir nun ziemlich sicher, dass wirklich nichts mehr unmöglich ist.