Ich sitze am Schreibtisch einer anderen Frau und schaue auf ein mit ausgewählten Elementen bestücktes Regal und eine Pinnwand mit Erinnerungen. Auf dem Schreibtisch steht neben einem hübschen Glas mit Stiften eine Kerze sowie eine Pflanze. Es liegen Muscheln nutzlos, einfach nur um den Raum aufzuhübschen, auf dem Schreibtisch und auf dem Dielenfußboden. Die Schreibtische in meinem Leben sahen stets anders aus: Meist zweckmäßig, zu groß oder zu klein, ordentlich beladen und mit Deko habe ich es auch nicht so. Ich fühle mich ein bisschen so, als würde ich in einem Showroom des schwedischen Möbelhaus sitzen.
Die Wohnung habe ich zur Untermiete für 3 Monate. Ich bin in ein gemachtes Nest gezogen, das macht es mir einfacher, herauszufinden, ob es wirklich eine Option ist, eine Zweitwohnung in einer anderen Stadt zu haben. Gleichzeitig kann ich ausprobieren wie es ist, in einer schönen Wohnung zu wohnen. Mein Zuhause ist ok, aber einen Schönheitspreis gewinnt es ganz sicherlich nicht. Seit zwei Jahrzehnten lebe ich in einem Kompromiss. Das war nicht unbedingt schlecht, aber ich fragte mich mehr und mehr, wo genau mein Raum in diesem Kompromiss wäre. Im Kompromiss entstand ein Wir, aber das Ich kam nicht hinterher.
Ich würde meine Wohnung nicht genauso einrichten, wie diese Probe-Wohnung, aber mir gefällt, dass es eine Frauen-Wohnung im Gegensatz zu einer Familien-Wohnung ist. Würde ich zu Hause dekoratives Gedöns irgendwo hinlegen, würde ein anderes Familienmitglied garantiert etwas daneben oder darauf legen. Ich hatte es ein paar mal mit Schnitt-Blumen oder Topfpflanzen probiert. Meist moserten dann jemand herum, dass die Blumen stinken – also musste ich einen neuen, weiter entfernten Platz wählen. Am Ende stellte ich die Blumen in die Küche und es machte mich traurig, dass das anscheinend der einzige Raum neben dem Gästeklo ist, in dem ich Gestaltungsfreiraum habe. Irgendwann kaufte ich keine Blumen mehr.
Ich lebe nun also im Leben einer anderen Frau. Ich nenne ihre Wohnung „meine Wohnung“, doch weil ich hier erst seit ungefähr 24 Stunden bin, stehe ich gefühlt immer noch neben mir und wundere mich. Kann so eine Wohnung meine Wohnung sein? Steht es mir überhaupt zu, eine eigene Zweitwohnung zu haben? Ist die Ruhe und das Alleinsein tatsächlich das, was ich anstelle des Familientrubels haben will? Ich lebe nun zeitweise in einer Wohnung, die von einer alleinstehenden Frau bewohnt wird. Es fehlt nur die Katze, die hat sie mitgenommen. Die Simulation wäre noch perfekter, wenn die Katze hier wäre.
Es ist großartig, diesen Alltag-auf-Probe zu haben, selbst wenn es nicht ganz so aussieht, wie in meinen Träumen. Es ist konkreter, als in meinen Träumen, denn ich habe niemals über Deko nachgedacht, sondern eigentlich immer nur darüber, was ich mir finanziell leisten oder wieviel Freiheit ich mir erlauben kann. Gerade bin ich irritiert darüber, dass es sich noch gar nicht so grandios anfühlt, wie ich es mir ausgemalt hatte. Obwohl ich kein gescheites Mittagessen hatte, konnte ich mich nicht aufraffen, für mich alleine zu kochen. Andere Menschen um sich herum zu haben, ist doch irgendwie ganz schön. Vielleicht habe ich das Alleine-sein verlernt?
Heute Abend habe ich mich bewusst nicht verabredet. Wenn ich jetzt schon wieder ausgehen würde, um andere zu treffen, wenn ich dauernd jemand zu mir einlade, dann wäre die Simulation nicht perfekt. Das könnte ich zuhause auch. Heute Abend werde ich die Stille und die fremden Geräusche um mich herum aushalten. Ich werde gleich ein bisschen arbeiten und dann lesen. Zuhause kann ich mich oft nicht konzentrieren, weil ich von den Geräuschen der Anderen abgelenkt werde. Zuhause würde ich mir aber jetzt aber auch einen Tee kochen. Das geht nicht, denn ich habe vergessen, welchen zu kaufen. Als ich gestern lauter Verbrauchsgegenstände für Badezimmer und Kühlschrank kaufte, dachte ich nicht an Gemütlichkeit. Ich bin davon ausgegangen, dass mein übliches Frühstück und Abendessen hinreichend Zuhausegefühle erzeugen würden in Kombination mit dem eigenen Bettzeugs. Was macht zuhause aus? Wie möchte ich gerne zuhause sein?
Ein Teil von mir, möchte sich noch einmal komplett neu erfinden. Nimmt man sich mit ins neue Leben? Kann man das Leben einer anderen Leben? Ein andere Teil denkt sich „du spinnst doch!“. Ich bin gespannt, wie ich mein Experiment in ein paar Wochen sehen werde.
Ein wirklich interessantes, spannendes Experiment, was du da wagst. Vielleicht hilft dieser andere Raum einer anderen Frau, den anderen Teil in dir zu finden, um ihn dann auch mit in dein „normales“ Zuhause nehmen zu können. Und vielleicht finden diese Träume dort dann auch einen Platz – und keinen Kompromiss.
(Meine Schwester ist vor 10 Jahren, mit Mitte 60, nach Neuseeland ausgewandert. Sie sagte, dass sie sich selbst zwar natürlich mitgenommen hat, dort aber andere Seiten von sich zeigen konnte, für die es im alten Leben keine Möglichkeit gab. Insofern hat sich doch einiges verändert am neuen Ort, auch wenn es immer noch _ihr_ Leben ist.)
Puh, Neuseeland wäre mir dann doch ein bisschen zu weit. Ich mag es ja, dass ich eben keinen Schlussstrich gezogen habe, sondern das Eine probiere, ohne das Andere aufzugeben. Das geht in der Entfernung Kiel-Hamburg gerade noch so. Ich glaube auch, dass es darum geht, Seiten an mir zu entdecken (egal ob neu oder zwischenzeitlich verschwunden), für die es im anderen Leben scheinbar keinen Platz gab. Mittlerweile bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob das tatsächlich so war, oder ob ich mir das nur gedacht habe. Und es gilt, diese neuen Seiten zu erkunden und zu erfühlen, denn es ist ja nicht alles so toll, wie man es sich erträumt.
Genau das: entdecken, wer du noch bist, wenn du nicht im gewohnten Umfeld bist. Ich wünsch dir viel Freude und Neugier dabei!
(Neuseeland wäre mir auch zu weit, aber einer ihrer Söhne lebt da mit Familie, darum war es eine Option.)
Es ist nie zu spät für eine Wohnung, in der du nicht nur geduldeter Gast bist!
(Na ja, es sollte möglichst noch vor Pflegeheim passieren, wo jede im Grunde geduldeter Gast ist.)