Heute morgen konnten wir wieder auf dem Balkon in der Sonne frühstücken. Es fühlte sich fürstlich an, denn wir hatten sozusagen ein 2-Gang-Frühstück: erster Gang mein Müsli mit geriebenen Apfel, zweiter Gang das herzhafte Käsefrühstück mit Gurke und eingelegten getrockneten Tomaten. Danach mussten wir uns erstmal ablegen. Wann, wenn nicht im Urlaub, kann man sich den Luxus gönnen, nach dem Frühstück erstmal ne Pause zu machen. Das E-Book, das ich vor Wochen bestellt hatte, wurde gestern ausgeliefert, so dass ich ganz heiß war, darin zu lesen.
Unser Plan für heute war: Auf den Markt gehen und noch mal den Stand mit den Flatterkleidchen zu inspizieren und Orangen kaufen. Danach wollten wir uns auf die Suche nach dem anderen Strand machen. Flatterkleidchen waren mir zu klein, Orangen und Erdbeeren gekauft und dann doch keine Mix-Meeresfrüchte-Tüte mehr bekommen, weil wir zu spät waren. Aber wir hatten eigentlich auch ausreichend gefrühstückt. Danach wollten wir irgendwo um die Ecke einen Kaffee trinken.
Erstaunlicherweise fällt es uns gar nicht so einfach, hier eine Gelegenheit zum Kaffeetrinken zu finden. Es gibt zwar überall Gastronomie, aber es gibt eben auch überall Tourist*innen. Die Klassenreisegruppen sind mindestens eben so anstrengend, wie die schlendernden Pärchen. Und so liefen wir wieder und liefen, bis wir eine hinreichend ruhige Straße und ein einigermaßen nettes Eiscafé fanden. Zunächst hatten wir in einem Café auf einem Platz mit Brunnen Platz genommen, dort gab es aber keinen Kaffee, weil es angeblich überall in der Stadt kein Wasser gab. Ich traute dieser Auskunft nicht und hatte recht, in dem Eiskaffee um die Ecke hatte man noch nichts von dem Wassermangel bemerkt. Die Location war gut gewählt. Es war außerordentlich nett, die vorbeiziehenden Menschen zu beobachten und wieder einmal konnten wir feststellen, dass man die Italiener*innen schon vom weiten am Style erkennt.
Weil wir am vorherigen Tag für meine Verhältnisse etwas zu lange unterwegs waren, gingen wir heute erstmal zurück in unsere Ferienwohnung, um dort unser Obst und etwas Käse zu essen, bevor wir noch mal ins Mittelmeer hüpfen wollten. Die Erdbeeren waren, wie ich erwartete hatte, noch ziemlich sauer, aber die Orangen sind zuckersüß und einfach köstlich. Wir hatten noch diesen italienischen Weichkäse Stracciatella, der ganz hervorragend zu den Erdbeeren passte.
Erstaunlicherweise finde ich mich hier gar nicht zu recht. Ich habe wirklich gar keine Orientierung, in welche Richtung wir gehen müssen. Von ersten Tag an, zückte meine Reisebegleiterin stets schnell ihr Mobiltelefon, um uns zu navigieren. In der Touristeninformation haben wir eine Papierkarte bekommen, aber diese hilft irgendwie auch nicht weiter. Die Straßen und Gässchen verlaufen alles andere als parallel und logisch und immer, wenn Frau Naja mir etwas auf dem Telefon zeigt, sieht es komplett anders aus, als auf meiner Papierkarte.
Das kenne ich so gar nicht. Normalerweise bin ich diejenige, auf die man sich diesbezüglich verlässt. Ich weiß noch, wie ich 1991 in Moskau erlebte, dass meine russische Freundin L. sich stets auf mich und meine Ortskenntnisse verließ, obwohl ich nur 3 Monate dort war und sie schon ihr ganzes Leben in dieser Stadt lebte. Ich sprach sie damals darauf an, ob sie denn gar keinen Ehrgeiz hätte, unabhängig zu sein, aber sie versicherte mir, dass es die Aufgabe der Männer wäre, sie zu führen und den Weg zu entscheiden und ich wunderte mich. Ebenso wundere ich mich über mich in den letzten Tagen, das ich genau wie L. keinerlei Ehrgeiz entwickele, mich zurecht zu finden. Ich kann mir das nur als einen Erfolg meines diesjährigen Mottos zur „Radikalen Selbstfürsorge“ erklären, dass ich auch mal andere machen lasse und mich eben nicht immer verantwortlich fühle. Aber es fühlt sich merkwürdig an.
Nach dem Obst und einem Mittagschläfchen war ich gar nicht mehr so sicher, ob ich wirklich schwimmen gehen wollte. Frau Naja war beschäftigt, ich las auf dem Balkon und fing immer stärker an zu frösteln. Wenn die Sonne weg ist und es windet, ist es plötzlich gar nicht mehr so warm. So durchgekühlt, wie ich auf einmal war, konnte ich es mir dann doch nicht mehr vorstellen, ins kalte Wasser zu gehen. Wir haben zwei weitere Badeplätze entdeckt, aber so richtig reizvoll sind dieser auch nicht. Man kann es nicht wirklich Strand nennen. Es sind eher Felsen und es ist auch nicht klar, wie einfach es sein würde, in das Wasser hinein und wieder hinaus zu kommen. Ich glaube, wenn wir es morgen noch mal versuchen, gehen wir doch wieder zu dem Ministrand, den wir schon kennen. Der liegt zwar direkt an der Fußgängerzonen-Promenade, aber man kommt leicht ins Wasser und wieder hinaus. Wir sind hier ja schließlich nicht auf Badeurlaub!
Wir nutzten die gewonnene Zeit, um uns ein paar Gedanken darüber zu machen, wie wir übermorgen nach Palermo kommen. Es gibt nicht wirklich viel Auswahl an Zügen und es ist schwer herauszufinden, ob es lohnt, mit dem Bus zum Bahnhof zu fahren, oder ob es doch sinnvoller sein könnte, den Weg – auch mit Gepäck – zu laufen. Alternativ zum Zug könnten wir auch mit dem Bus fahren – genauer gesagt mit Zügen oder Bussen, denn ohne Umsteigen wird es nicht gehen. Wir haben beschlossen, unser Interrail-Ticket für dieser Fahrt zu schonen, denn es ist nicht wirklich teuer, von hier nach Palermo zu kommen, also könnten wir auch mit dem Bus fahren. Der Zug würde die Küste entlang fahren – ein Stück des Weges sind wir bereits auf dem Hinweg gefahren. Der Bus hingegen würde quer über die Insel am Ätna vorbei. Das wäre ja auch ganz schön, den Vulkan mal zu sehen, denn alle Welt erzählte uns im Vorfeld unserer Reise, dass man den Ätna von überall aus sehen könnte – nur vor uns hat er sich bisher versteckt.
Mir graut ein bisschen davor, einen weiten Weg mit Gepäck zu laufen. Ich hoffe ohnehin, dass wir genügend unserer Vorräte aufgegessen haben, dass ich nicht mehr ganz so viele Taschen schleppen muss. Ich gebe zu, das Häkelzeugs nimmt doch viel Platz ein, aber am schwersten wiegt stets das Wasser. Wir müssen morgen unbedingt noch einen Kohlrabi essen, der ist auch schwer.
Der grobe Plan für morgen ist, mal zur Probe zum Bahnhof zu laufen, um zu sehen, wie weit es ist und dort herauszufinden, ob wir schon Bustickets kaufen könnten und wo man am Bahnhof Wasser kaufen könnte, um es nicht den ganzen Weg zu tragen. In der Nähe gibt es außerdem eine ganze Ansammlung von „Trümmern“ – , Parco archeologico Neapolis – dann hätten wir wenigstens mal eine Touristenattraktion angeschaut.
Für heute Abend hatten wir uns vorgenommen, ein im Internet vielgelobtes veganes Restaurant zu besuchen. Ich war erst gar nicht so begeistert von der Idee, weil ich klischeemäßig auf Stoffe mit Zitronen und italienisches Essen stehe, aber Frau Naja meinte, veganes Essen wäre doch nicht zwangsläufig asiatisch angehaucht und es wäre doch gerade spannend, was die Italiener*innen daraus machen. Das Moon („Move Ortigia – so heißt die Altstadt hier – out of Normalität“) war eine gute Wahl. Wir hatte nicht nur sehr leckeres Essen sondern auch Spaß. Weil wir nicht reserviert hatten, wurden wir an einen Tisch gesetzt, an dem schon zwei Personen saßen. Wir kamen mit dem älteren Ehepaar aus England sehr nett ins Gespräch und bedauerten es, als sie das Lokal verließen. Anschließend wurden uns ein junges Paar aus Estland an unseren Tisch gesetzt, die sichtlich aufgeregt waren, zum ersten Mal in ihrem Leben vegan zu essen.
Wir hatten als Antipasti eine Auswahl an veganen Käse, dann als Primo Piatti hatte Frau Naja vegane Carbonara und ich wählte zum zweiten Gang Lupinen-Irgendwas auf roter Zwiebel mit Stracciatella. Die beiden Personen aus Estland waren so aufgeregt, dass ich sie probieren ließ, weil ihr Essen noch auf sich warten ließ. Aber so konnten wir später noch bei ihrer Lasagne probieren. Weil alles so nett und lecker war, gönnten wir uns noch zwei Nachtische. Das Rosmarin-Sorbet war wahnsinnig fein, auch wenn es meine Begleiterin sehr an Schaumbad aus ihrer Jugend erinnerte. Der zweite Nachtisch hieß Titti (und ich war froh, keinen Teenager dabei zu haben), er schmeckte cremig und unter anderem nach Mandeln und sehr gut.
Der ruhige Tag heute, hat sehr gut getan. Ich bin gefühlt immer noch etwas angeschlagen von der Reise aber möglicherweise auch von den sehr anstrengenden Wochen vor dem Urlaub. Wir gehen nicht so viel mehr Schritte als in Hamburg, aber vielleicht ist es die Sonne, das ungewohnt sommerliche Schuhwerk oder was auch immer, was mich ziemlich schleichen lässt. Aber vielleicht habe ich mir auch einfach einen Urlaub verdient.
Syracus scheint jawirklich der Touristenort zu sein.
Englisch habt ihr gesprochen, aber wo bleibt die italienische Sprache?
Na, das wird sich in Palermo sicher ändern.
Reizvoll ist es an derKüste zu fahren, aber das Innere Siziliens zu sehen ist wunderschön. Es gibt viele Berge und Dörfer, die wie angeklebt erscheinen. Das ist das echte Sizilien.
Den Ätna werdet ihr in jedem Fall finden.
Viel Spaß !,,,,
Ach, ich spreche so viel italienisch, dass es gar nicht mehr erwähnenswert ist. Wir hoffen, dass wir auf der Überlandfahrt nicht dauernd „in Röhren müssen“, wie wir in eurem Reisebericht gelesen haben.