In Schwimmbädern, in denen das Becken in Bahnen abgesperrt ist, habe ich große Schwierigkeiten, meine Bahn zu finden. Im richtigen Leben gibt es dazu Parallelen.
Da ich in Suburbia lebe, haben die Schwimmbäder eher merkwürdige Öffnungszeiten und sind nicht wie in der Innenstadt jeden Tag und von früh bis spät geöffnet. Mir ist schon klar, dass das am Personalmangel und dem mangelndem Willen der hamburger Politik liegt, mehr Geld in das Schwimmen zu investieren, aber gleichzeitig wundere ich mich darüber, welche Hypothesen es über die Menschen in den urbanen Stadtteilen und den Menschen in Suburbia gibt. Aber darüber wollte ich heute gar nicht schreiben.
Je nach Wochentag, an dem ich für das Schwimmen Zeit habe, muß ich mich also für ein Bad entscheiden, dass geöffnet hat und das ist nicht immer das Lieblingsbad. Mein „Mittwochsbad“ liegt in den Elbvororten und ist am Vormittag gut gefüllt mit rüstigen Renter*innen. Ich mag dieses Hallenbad nicht besonders, denn dort gibt es stets drei abgesperrte Bahnen. Der größere Bereich, zu dem auch die Sprungbretter gehören, ist zu meiner Mittwochsschwimmzeit für Schulschwimmen gesperrt. Zwei der drei abgesperrten Bahnen sind Sportbahnen, also eher für die schnellen Schwimmer*innen vorgesehen, zu denen ich bekanntlich nicht gehöre, denn ich schwimme eher langsam bis mittelschnell.
Wenn ich auf einer Sportbahn schwimme, dann schwimme ich immer sehr höflich fast unter den Plastikkugeln der Abtrennungsleine, damit ich unkompliziert überholt werden kann. Die rüstigen Rentner*innen handhaben das etwas anders. Sie nutzen einfach irgendeine Bahn und scheren sich nicht um das Tempo. Ich bewundere sie um ihren Gleichmut, einfach kreuz und quer rückwärts zu schwimmen oder mit merkwürdigen Accessoires durchs Wasser zu joggen.
Vor vielen Jahren hatte ich mal gelernt, dass es sinnvoll ist, auf Gehwegen nicht immer auszuweichen. Brust raus, Bauch rein und mit aufrechtem Gang wie eine Königin so selbstbewusst laufen, dass die anderen Personen ausweichen. Irgendwie ist mir das in den letzten Jahren abhanden gekommen. Ich kann mir das nur so erklären, dass die Situation vor vielen Jahren Mutter eines auf mich angewiesenen Säuglings zu sein mir einimpfte, dass ich meine Bedürfnisse hintenan stellen muss. Dieser Vorsatz ist natürlich sinnvoll, um aus einem Säugling einen großen Mensch zu machen, aber ich wundere mich tatsächlich oftmals, dass ich immer noch dazu neige, die Bedürfnisse anderer wichtiger zu nehmen, als meine Eigenen.
In Flugzeuge bekommt man beim Bordballett erzählt, dass man sich zunächst selbst dieses Luftdings nehmen soll, damit man in der Lage ist Anderen zu helfen. Klingt vernünftig. Im Zuge meines diesjährigen Vorsatzes zur radikalen Selbstfürsorge, bete ich mir diese Erkenntnis immer wieder vor. Immerhin hat das schon dazu geführt, dass ich nun zweimal statt nur einmal pro Woche schwimmen gehe – weil ich es einfach möchte. Doch in vielen Situationen, egal ob im Schwimmbad oder im Trockenen, merke ich wie ich vorschnell Vorschläge zurückziehe oder ausweiche, obwohl mir eigentlich klar ist, dass ich das gar nicht muss. Es ist auch meistens gar nicht so, dass das andere Menschen ausdrücklich von mir erwarten würden. Es ist wie ein Reflex, dass ich vorsorglich unter der Kugelkette schwimme, weil ich nicht sein möchte, wie eine rückenschwimmende Person.
Wir Menschen sind so unterschiedlich, die Einteilung in drei Bahnen reicht einfach nicht aus, um Gruppen zu bilden, die ähnliche Personen enthalten. Vielleicht ist das auch nur meine Fantasie, dass es super wäre, wenn es eine Einteilung der Bahnen in „langsam + Rückenschwimmen“, „mittel und rücksichtsvoll“ und „Sportbahn für die Schnellen“ gäbe. Wahrscheinlich gäbe es auch dann immer noch genügend Menschen, die die Beschilderung nicht lesen oder eine kolossale Selbsteinschätzung ganz ohne Selbstzweifel haben. Ob es anderen genauso schwer fällt wie mir, ihre Bahn zu finden?
Immer dann, wenn ich in einem Bad schwimmen kann in dem es keine abgetrennten Bahnen gibt, schwimme ich länger, schneller und bin anschließend viel entspannter. Es ist viel einfacher, einander auszuweichen, wenn es viel Platz gibt. Ich kann dann in meinem Rythmus schwimmen und auf diese Art und Weise in den Flow kommen, der das Schwimmen so schön macht. In den anderen Situationen des Lebens, sollte ich vermutlich meinen Vorsatz der radikalen Selbstfürsorge mal ein bisschen ernster nehmen oder davon ausgehen, dass Beschränkungen vielleicht gar nicht da sind, obwohl ich sie mir einbilde. Wenn ich noch öfter einfach meinen Weg gehen würde, wäre das Leben insgesamt mehr im Flow.