Vor ein paar Wochen ist ein Satz an mir vorbeigeflogen, der heute plötzlich wieder bei mir aufploppte. Sinngemäß lautete er „machen sie Sport wie ein Nerd“. Also er war schon irgendwie anders, wenn ich mich recht erinnere, kam das Wort „Hobby“ darin vor, aber ich assoziierte Nerd.

Jetzt ist Hobby nicht wirklich ein Wort, das für mich anschlussfähig ist. Hobby klingt für mich nach „ich habe einen langweiligen Job, also brauche ich einen Ausgleich“. Mein Leben lang habe ich viel dafür getan, keinen langweiligen Job zu haben. Im Gegenteil, ich habe das Glück meist nach dem Lustprinzip zu arbeiten und lauter Dinge zu tun, die ich total spannend finde. Natürlich gibt es eine Menge Aufgaben, die ich als Selbständige eben auch noch machen muss. Aber im Großen und Ganzen empfinde ich meine Arbeit als sinnvoll und spannend. Aus diesem Grund fremdelte ich eigentlich immer mit dem Wort „Hobby“.

Zum Nähen kam ich durch Zufall. Nach einem halben Jahr mit einem Säugling schwante mir, dass ich vor die Hunde gehen würde, wenn ich nicht mal ein Wochenende für mich haben würde. Ich hätte zu diesem Zeitpunkt alles gemacht: Angeln oder als Elfe in einem Rollenspiel durch den Wald hüpfen. Aber weil mein Gehirn damals extrem schlecht durchblutet war, nahm ich das Naheliegende, also den Nähkurs in der Elternschule. Ich nähte eine Schlaghose für das Kind, die erst passte, als es Laufen lernte. Jedes Mal, wenn ich dem Kind die stylishe Hose anzog, heulte das Kind, denn es fiel immer hin, weil es über den Schlag stolperte. Ich beschloss nicht mehr für so undankbare Kundschaft zu nähen. Kinder sind ja per se niedlich und ich als dicke Frau hatte immer Schwierigkeiten, was Passendes zum Anziehen zu finden, also nähte ich fortan Kleidung für mich.

Weil das Schreiben zu meinem Leben dazu gehört, begann ich über das Nähen zu bloggen. Ich lernte andere Nähbloggerinnen kennen, es war eine wunderbare, einander unterstützende Community. Gemeinsam wagten wir immer kompliziertere Dinge zu nähen. Hosen, Paspeltaschen, Wintermäntel. Alleine an der Statik eines Badeanzugs scheiterte ich. Aber den Rest der Garderobe nähte ich einfach immer dann, wenn ich Lust auf ein bestimmtes Kleidungsstück hatte. Zum Einschlafen las ich Bücher, in denen bestimmte Techniken beschrieben waren und nachts träumte ich von Schnittmustern, auf der Straße erkannte ich Frauen in selbstgenähten Kleidern und wusste den Namen oder die Nummer des Schnittmusters. Frau Nahtzugabe prägte den passenden Begriff für uns: Sie nannte uns Nähnerds.

Und so schließt sich der Kreis zu dem Satz, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht, je länger ich darüber nachdenke. Ich bin ja nicht wirklich eine Sportskanone. Es gab in meinem Leben auch nicht viele Sportarten, die mir Spaß machten. Ok, ich schwimme gerne, ich habe früher gejazzdanced und NIA getanzt, ich war öfters Skifahren und ich war auch mal Handballerin (aber das hauptsächlich, wegen den Jungs), aber man kann wirklich nicht sagen, dass Sport ein wichtiger Teil meines Lebens wäre. Den meisten Sport in meinem Leben habe ich gemacht, um Abzunehmen. Das war dann eher so ne Quälerei, die ich zwar emsig umsetzte, aber früher oder später wieder aufgab. In den letzten knapp 20 Jahren spielte dann das auch keine Rolle mehr für mich.

Dieser Satz mit dem „Sport als Hobby“ hatte etwas mit Gesundheit und der Idee zu tun, Gesundheit ernst zu nehmen und ihr eine Priorität im Leben zu geben. Ja, da sollte man wirklich tun – aber das Fleisch ist schwach. Aber wie wäre es, wenn ich meine Tendenzen der letzten Monate sowie den Titel dieses Blogs ernst nehmen würde und Schwimmen würde, wie ein Nerd?

Mitte Dezember habe ich den Podcast „Chlorgesänge“ entdeckt und wirklich sehr viele Episoden gehört. Ich schaue vor dem Einschlafen oft Youtube-Videos, in denen bestimmte Aspekte des Kraulschwimmens genauer gezeigt werden. Seit dem ich Kraulen kann, übe ich immer weiter und trainiere, um selbst gestellte kleine Herausforderungen zu realisieren. Seit ein paar Wochen übe ich die 3er-Atmung und bin erstaunt, dass ich immer weniger Wasser dabei verschlucke. Ich trage die an Weihnachten geerbte Apple-Watsch und tracke damit die Bahnen, die ich schwimme. Ich gebe zu, ich besitze mittlerweile einen Pullbuoy, Paddles, eine Boje fürs Freiwasserschwimmen, mindestens 3 Schwimmbrillen und 3 Bikinis. Vor einer Woche habe ich einen neuen Badeanzug bestellt und ich kann es kaum erwarten, bis er geliefert wird. So weit ist das gar nicht mehr weg von Nerd.

Mir fehlt allerdings eine Schwimmfreundin. Ach Journelle! Wie sehr vermisse ich es, mit dir über den Armzug zu fachsimpeln und vom Freiwasserschwimmen zu träumen. Vielleicht gehört zum Schwimmnerden doch noch mehr Austausch. Die Menschen in meinem Umfeld sind nicht wirklich daran interessiert, wenn ich vom Schwimmen rede. Dabei habe ich gestern zum ersten Mal 8 Bahnen am Stück gekrault. Das muss man doch feiern! Eigentlich wollte ich hier im Blog mehr über das Schwimmen schreiben. Das sollte ich tatsächlich mal tun.